Mein Besuch der Laborschule Bielefeld: Offenheit als pädagogisches und räumliches Prinzip

„Plötzlich merkt man, dass man nicht mehr nur für sich lernt.“ Ein Satz, so phantastisch wie selten, jede Lehrer*in wünscht sich, dass ihre Schüler*innen das sagen. Diesen Satz habe ich so gehört, diesen Satz hat eine Schülerin so gesagt. Eine Schülerin der Laborschule Bielefeld, an der ich im Herbst für ein paar Stunden in den Schulalltag reinschnuppern konnte (natürlich allen Corona-Regeln entsprechend). Der Satz einer Schülerin, die ab der 9. Klasse an Noten herangeführt wird, weil das deutsche Schulsystem einer Versuchsschule ohne Noten keine Abschlusszeugnisse ohne Noten erlaubt. Also werden die Schüler*innen an der Laborschule ab Klasse 9 benotet, damit sie Ende der Klasse 10 ein Abschlusszeugnis bekommen können. Und dann lernt man eben nicht mehr nur für sich, sondern für Noten. 

Ich war jedenfalls total gespannt auf den Besuch, weil ich mich seit langem für ein Lernen ohne Noten interessiere, für individuelles und kooperatives Lernen und seit einiger Zeit immer mehr für pädagogische Architektur. Wie ziemlich jede Lehrer*in hatte ich von der Laborschule schon gehört, im Studium liest man Aufsätze über Lernen ohne Noten, jahrgangsübergreifende Lerngruppen, Lernen durch Erleben, Demokratielernen. Die Ergebnisse der staatlichen Versuchsschule, die 1974 gegründet wurde, sollen in die Breite finden. Bei mir blieb es immer bei den Aufsätzen, ich hatte keine Ahnung, dass man die Schule in Bielefeld besuchen kann. Und ehrlich gesagt war ich im Studium noch so naiv, dass ich das für Normal hielt, dass Lernen doch an jeder Schule so organisiert sein müsste, individualisiert, im eigenen Tempo, dem eigenen Lern- und Entwicklungsstand entsprechend. In heterogenen Lerngruppen, die genauso Einzelarbeit ermöglichen wie Zusammenarbeit. 

Nun hatte ich 20 Jahre später endlich Gelegenheit, die Laborschule Bielefeld zu besuchen. Über das Auslandsschulwesen habe ich vor einigen Jahren Rainer Devantié kennengelernt, den derzeitigen Schulleiter. In normalen Zeiten bietet die Schule ca. alle sechs Wochen reguläre Besuchstermine, dann werden unzählige Besucher durch die Schule geführt, an normalen Schultagen wohlgemerkt. Die Laborschule führt vom Vorschuljahr bis Klasse 10, aufgeteilt in vier jahrgangsübergreifende „Stufen“, nach der 10 ist das Oberstufenkolleg angegliedert. Wer mehr facts braucht, findet auf der Webseite der Laborschule viele Infos für den Einstieg.

„Kann ich dir helfen?“, fragt mich ein Lehrer, als ich dort ankomme. Wir kennen uns nicht, das Duzen gehört aber ganz sicher zur Arbeitskultur, da gehe ich jede Wette ein, auch wenn ich Uli gar nicht mehr gefragt habe. Uli ist der stellvertretende Schulleiter, wir sind sofort im Gespräch. Sabine, die didaktische Leiterin, duzt mich auch sofort, wir reden über die offene Atmosphäre, die sich auch architektonisch zeigt. Wir sitzen an einem Tisch irgendwo auf der Galerie, in einem Bereich für Lehrer, wie sich herausstellt, der offen ist zur Lernlandschaft. So wie alles offen ist, die Schule ist ein großer, offener Raum, die Schüler*innen können jederzeit jede Lehrkraft ansprechen. „Die meisten Lehrer wollen hier nicht mehr weg, wenn sie das erlebt haben“, sagt Uli. Würde ich sofort unterschreiben. 

Einblicke in die Lernflächen der Laborschule Bielefeld (Fotos © mit freundlicher Genehmigung der Laborschule)

Die Lerngruppen in Haus 2 für die Jahrgänge 5 bis 7 sind in offenen Lernlandschaften organisiert, immer drei Gruppen auf einer Fläche, die UFO heißt, das bedeutet „universeller Förder- und Forderort“, wie mir Caro* erklärt. Caro ist eine Schülerin im 9. Jahrgang, die mich souverän durch die Schule führt. Sie gehört zur AG Öffentlichkeitsarbeit und macht das zum ersten Mal exklusiv, sagt sie, und sei deswegen ein bisschen nervös. Das merke ich ihr nicht an, sie reagiert flexibel auf meine vielen Nachfragen, geht immer darauf ein, verweist stellenweise freundlich darauf, dass wir an anderer Stelle der Führung, wo es dann auch besser zum Raumkonzept passt, darauf eingehen würden. Das Präsentieren der Unterrichtsergebnisse werde früh eingeübt, sagt Caro, das komme ihr zugute, ebenso werde auf das qualitative Peer-Feedback Wert gelegt.

Jedes UFO wird von der Galerie eingerahmt, die komplett herumführt und auch Übergänge zwischen den Flächen bietet. Die Flächen haben Funktionszonen für verschiedene Lernsituationen. Klassenräume gibt es nicht. Das heißt, doch, es gibt schon ein paar abgetrennte Räume, im Neubau sind Funktionsräume für die Naturwissenschaften untergebracht. Und für die Verwaltung mussten irgendwann extra Mauern eingezogen werden, weil man ja sonst mithören könnte, wenn die Sekretärin die Krankmeldung eines Schüler*in entgegennimmt oder der Schulleiter ein Elterngespräch führt. Deutschland ist Datenschutzland. Es habe vorher auch mit einer offenen Verwaltung funktioniert, sagt Uli.

Und obwohl insgesamt neun Lerngruppen mit bis zu 23 Schüler*innen auf drei Flächen in einem einzigen offenen Halle unterwegs sind, herrscht eine angenehm ruhige Lernatmosphäre, und die Lernenden sind gerade nicht etwa in Stillarbeit. Einige haben einen Input durch Lehrkräfte – ich muss gleich an die Alemannenschule denken -, andere haben individuelle Förderungen in Zweier- oder Dreiergruppen durch einzelne Lehrkräfte, andere arbeiten alleine oder zu zweit ohne Lehrkräfte, hier und da präsentieren Schüler*innen ihre Ergebnisse im Plenum. Flächen und Galerie sind durch Regale, Trennwände, Whiteboards und Mobiliar in verschiedene Funktionszonen für verschiedene Lernsituationen aufgeteilt.

Auch bei den Kleineren fällt mir sofort die ruhige Atmosphäre auf. Im angrenzenden Haus 1 sind die Jahrgänge Null bis Fünf untergebracht und ebenfalls auf Lernlandschaften verteilt. Als ich mich umschaue, entdecke ich immer mehr der insgesamt 16 Gruppen auf den vier offenen Flächen. Ich hatte sie nicht sofort bemerkt, weil es so still war. Das hat sicher auch schalltechnische Gründe durch die Gebäudearchitektur, müsste ich nochmal nachfragen, aber vermutlich hat man sich darüber in den 1970er schon ausreichend Gedanken gemacht. Das hat aber auch mit der Lernatmosphäre zu tun, wenn alles offen ist, muss man zwangsläufig aufeinander Rücksicht nehmen und leise sein.

Die Raumgestaltung der Laborschule entspricht weitgehend dem Modell „Offene Lernlandschaft“ (Foto: privat, Grafik: © Montag Stiftung)

Vieles ist in die Lernlandschaften integriert, Möglichkeiten zur Plenumsarbeit oder für Kleingruppen oder für Einzelarbeit, Regale, Materialien, Whiteboards, und die Lehrertische stehen mittendrin, mit jede Menge Material darauf, offen für jeden zugänglich, in allen (!) Jahrgängen. Und das mir jetzt keiner mit dem Wikipedia-Artikel argumentiert und Klientel aus gehobener Mittelschicht und Eliten und so, „der Artikel stimmt in dem Punkt absolut nicht“, sagt Rainer. „Wir haben eine bunt gemischte Schülerschaft und versuchen immer dem Auftrag nachzukommen, alle gesellschaftlichen Gruppen aufzunehmen“. Von 200 Bewerbungen kann die Schule jährlich 60 Schüler*innnen aufnehmen, und sie achtet dabei auf eine bunte Mischung, wie sie für unsere Gesellschaft typisch ist. An vielen Grundschulen ist das sicher auch selbstverständlich, dass ich meinen Kram offen liegeblassen kann, an vielen weiterführenden Schulen aber sicher nicht – nennt mir die Ausnahmen ⬇️ via Kommentar. Für mich ein Ausdruck der Offenheit der Laborschule, jedenfalls auf ein Wort reduziert. 

Die Schule möchte „ein Ort sein, wo Kinder und Jugendliche gern leben und lernen“, sie möchte „Schule als Lebens- und Erfahrungsraum“, als „Gesellschaft im Kleinen“ sein. Das steht nicht nur im Leitbild, das hat mir Caro glaubhaft so erzählt. Vieles davon müsste ich unter anderen Gesichtspunkten als der Architektur nochmal aufschreiben. Jedenfalls tragen die anregenden Lernlandschaften zu dieser Atmosphäre bei, alle Schüler*innen können jederzeit auf Raum und Ressourcen zurückgreifen.

Im Gegensatz zu den Klassenräumen, in denen ich bis jetzt unterrichtet habe. Nur mit viel Aufwand und Hilfe durch Eltern konnte ich die kargen Standardräume ein bisschen herrichten, Farben reinbringen, eine Leihbibliothek, Regale kaufen mit Fächern für die Schüler*innen, um dann zwei Jahre später wieder in einen anderen Trakt umziehen zu müssen. Wenn ich schon in klassischen Gebäuden mit klassischen Klassenräumen unterrichten muss, dann möchte ich „meinen“ Raum mit „meiner“ Lerngruppe auch so einrichten, dass er zum Lernen anregt, dass ich differenzieren kann, Leseecke, Medien, Snoezelzone, dass ich und besonders die Schüler*innen die Möbel flexibel nutzen können, da gibt es so viele so schöne Tische und Stühle, Hocker, Polsterquader, Würfel, Knautschsessel … der Raum als Pädagoge eben. Den Aufwand habe ich aber nach und nach nicht mehr so betrieben, weil ich regelmäßig den Raum wechseln musste und andere Klassen und Kurse „meinen“ Raum mitbenutzten – und auch verdreckten und verschandelten, und das an einem Gymnasium (sic!), so viel zur Frage, ob das von der Klientel abhängt.

Update (25.02.21): Aus irgendwelchen Gründen habe ich vergessen, das Forschungsprojekt meines damaligen Professors Gerhard Landau zu erwähnen, der schon in den 1990ern nachgewiesen hat, wie flexible, unter pädagogischen Gesichtspunkten konzipierte Möbel das Lernen (und die Gesundheit) fördern. Die so geniale wie einfache Idee hat mich schon damals sehr beeindruckt – und schon damals habe ich mich gefragt, warum solche Ideen keinen Weg in die Breite der Schullandschaft finden.

Pädagogische Möbel: „Das mobile Klassenzimmer“ (Screenshot aus dem PDF-Katalog des © Spectra-Verlag 1999)

„Die Landauer“ Möbel sind leicht, bestehen aus unterschiedlichen Formen und lassen sich von den Schüler*innen flexibel und individuell anordnen. In wenigen Minuten ist der Raum auch leer geräumt für Morgenkreis, Tanz oder Bewegung. Schnell lässt sich ein Bewegungsparcours, ein Podium oder eine Spielszene aufbauen. „Kinder, die sich im Unterricht bewegen, sind ihren ‚festsitzenden‘ Altersgenossen körperlich und geistig überlegen“, stellte Prof. Landau fest. Wen wundert’s. Schaut den alten Produktkatalog von 1999 (PDF) mal durch, so würde ich meinen Klassenraum gerne einrichten, auch in meiner weiterführenden Schule.

Update (19.03.21): Habe heute herausgefunden, dass die Möbel weiterhin gebaut werden! Die Franz Sales Werkstätten in Essen machen sie, demnächst auch in neuen Farben! Hier geht’s zum Produkt-Flyer (PDF) mit Kontaktdaten, ansonsten einfach anrufen (0201 8536440) und bestellen, Ihr unterstützt damit eine gute Sache. Wir werden sie hoffentlich bald hier bei uns in einem LearnLab allen Schulen zeigen können.

Linktipp zum Weiterlesen

Die Lernlandschaften der Laborschule bieten vieles, was man zum Lernen braucht. Was die Montag Stiftung seit Jahren an Forschung zu Lernlandschaften zusammenträgt, kommt seit Jahrzehnten zur Anwendung. Nur in der Breite, da kommt es nicht an. Noch nicht. Aber da scheint sich immer mehr zu tun. Nicht nur, aber insbesondere die Arbeiten der Montag Stiftung sind wirklich hilfreich, viele Materialien sind frei verfügbar und in dem eigenen Themen-Blog www.schulen-planen-und-bauen.de werden spannende Projekte beschrieben.

Und über die Laborschule muss ich wohl noch ein paar Posts verfassen. Über Lernen ohne Noten, über demokratische Prinzipien, und über fehlende Tablets und WLAN 🥴

Auch spannend zum Weiterschauen … aber nicht über die Laborschule

* Ich habe den Namen der Schülerin geändert, weil ich vergessen habe, nach der Einwilligung für diese Veröffentlichung zu fragen. 🙄

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