Teil 3: Gute LMS-Beratung beginnt nicht mit einer Produktempfehlung
„Was würden Sie uns denn empfehlen?“
Diese Frage begegnet einem in der Medienberatung ziemlich regelmäßig. Sie ist verständlich. Schulen möchten nicht monatelang recherchieren, sondern eine klare Antwort:
Nehmt Moodle.
Kauft itslearning.
Nutzt IServ.
Baut euch WordPress um.
Eine solche Empfehlung wäre angenehm eindeutig. Sie wäre nur möglicherweise falsch.
Die Lieblingsplattform des Beraters ist kein Medienkonzept
Wer sich lange mit digitalen Plattformen beschäftigt, entwickelt zwangsläufig Vorlieben.
Der eine kennt jede Aktivität in Moodle. Die andere organisiert ihr komplettes Arbeitsleben in Microsoft 365. Jemand hat mit WordPress ein großartiges Lernportal gebaut. Und irgendjemand empfiehlt grundsätzlich das System, das an der eigenen Schule gerade einigermaßen funktioniert.
Das ist menschlich. Beratung beginnt aber dort, wo die eigene Lieblingslösung nicht mehr im Mittelpunkt steht.
Die Aufgabe als Medienberater ist nicht, der Schule zu zeigen, welche Plattformen ich kenne. Die Aufgabe ist es, ihr dabei zu helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Das klingt zunächst weniger beeindruckend als eine zweistündige Pro- und Kontra-Diskussion zu Produkten.
Es führt aber eher zu einer tragfähigen Entscheidung. Denn hinter der Frage nach einem neuen LMS können sehr unterschiedliche Probleme stecken:
- Aufgaben werden über fünf verschiedene Kanäle verteilt.
- Niemand findet Materialien wieder.
- Kommunikation mit Lernenden oder Eltern funktioniert nicht.
- Das vorhandene LMS wird kaum genutzt.
- Gemeinsames Arbeiten ist nicht möglich.
- Lernstände bleiben unsichtbar.
- Das Kollegium möchte KI nutzen, aber niemand kennt die Bedingungen.
- Der Schulträger hat eine Plattform beschafft, die nicht zum pädagogischen Konzept passt.
Diese Probleme brauchen nicht zwangsläufig dasselbe Produkt.
Manche benötigen zunächst überhaupt kein neues.
Erst das Problem, dann die Funktion
Eine ungünstige erste Frage in einem Beratungsprozess lautet:
Welche Funktionen wünschen Sie sich?
Darauf folgt zuverlässig eine umfangreiche Liste:
Messenger, Videokonferenz, Cloudspeicher, Portfolio, digitales Klassenbuch, Lernpfade, Vertretungsplan, Elternkommunikation, kollaboratives Office und selbstverständlich KI.
Am besten alles in einer Plattform und mit einem Login.
Hilfreicher sind konkrete Situationen:
Was sollen Schülerinnen und Schüler künftig tun können, was heute nicht oder nur umständlich möglich ist?
Zum Beispiel:
- selbstständig an einem Wochenplan arbeiten,
- gemeinsam ein Produkt entwickeln,
- Zwischenergebnisse teilen,
- individuelles oder gegenseitiges Feedback erhalten,
- den eigenen Lernprozess dokumentieren,
- außerhalb des Unterrichts auf Materialien zugreifen,
- Arbeitsergebnisse in einem Portfolio sammeln.
Auch die Perspektive der Lehrkräfte gehört dazu:
- Wo entsteht doppelte Arbeit?
- Welche Informationen werden mehrfach eingetragen?
- Welche Kommunikationswege funktionieren nicht?
- Welche Materialien sollen gemeinsam entwickelt werden?
- Wo gehen Zeit und Übersicht verloren?
Aus solchen Situationen entstehen Anforderungen, die man tatsächlich überprüfen kann.
„Die Plattform soll innovativ sein“ lässt sich schlecht testen.
„Vier Schülerinnen und Schüler sollen gleichzeitig an einem Dokument arbeiten können“ schon.
Lernen, Arbeiten, Kommunikation und Organisation trennen
Schulen suchen häufig nach „einer Plattform“, meinen damit aber verschiedene Dinge.
Ein klassisches LMS organisiert Kurse, Lernaktivitäten, Aufgaben, Abgaben und Rückmeldungen.
Eine Arbeitsplattform unterstützt Dateiablage, gemeinsame Dokumente, Kalender und Zusammenarbeit im Kollegium.
Ein Messenger dient der Kommunikation.
Ein Schulmanagementsystem verwaltet vielleicht Abwesenheiten, Stundenpläne, Klassenbücher oder Noten.
Manche Produkte verbinden mehrere Bereiche. Trotzdem sollten die Bedarfe zunächst getrennt betrachtet werden.
Sonst gewinnt am Ende die Plattform mit den meisten Häkchen, obwohl sie die für die Schule wichtigste Aufgabe nur mittelmäßig löst.
Gerade aus beratender Perspektive sollte dabei die Lernendenperspektive zuerst kommen:
- Wie organisieren Lernende ihr Lernen?
- Wie erhalten sie Rückmeldung?
- Wie arbeiten sie zusammen?
- Wie dokumentieren und reflektieren sie ihre Lernprozesse?
- Welche Entscheidungen können sie selbst treffen?
- Wo benötigen sie Struktur und Orientierung?
Erst danach stellt sich die Frage, welches System diese Prozesse unterstützt.
Nicht umgekehrt.
Muss, soll, könnte vielleicht irgendwann
Nicht jede gewünschte Funktion ist gleich wichtig.
In einer Beratung sollten Anforderungen deshalb sortiert werden:
Unverzichtbar: Ohne diese Funktion löst die Plattform das eigentliche Problem nicht.
Wichtig: Diese Funktion würde Lernen oder Arbeiten deutlich verbessern.
Interessant: Diese Funktion klingt gut, ist bisher aber mit keinem konkreten Nutzungsszenario verbunden.
Gerade Produktpräsentationen erzeugen erstaunlich viele Wünsche aus der dritten Kategorie.
Nach einer gelungenen Vorführung scheint plötzlich ein animiertes Lerndashboard unverzichtbar. Zwei Wochen später schaut niemand mehr hinein.
Zu jeder gewünschten Funktion gehört deshalb eine Rückfrage:
Wer nutzt sie wann und wofür?
Gibt es darauf keine nachvollziehbare Antwort, gehört die Funktion vorerst nicht in die Kategorie „unverzichtbar“.
Vielleicht nicht einmal in „wichtig“.
Die vorhandenen Rahmenbedingungen gehören mit auf den Tisch
Eine Schule entscheidet nicht völlig frei über ihre digitale Infrastruktur.
Das Land stellt Plattformen und Zugänge bereit. Der Schulträger verantwortet wesentliche Teile der technischen Infrastruktur. Die Schule gestaltet Unterricht und schulinterne Abläufe. Datenschutzbeauftragte, Personalvertretungen und weitere Stellen können ebenfalls beteiligt sein.
Deshalb muss eine Beratung früh klären:
- Was ist bereits vorhanden?
- Welche Systeme sind verbindlich?
- Was darf die Schule selbst beschaffen?
- Welche Konten und Schnittstellen existieren?
- Wer darf welche Daten verarbeiten?
- Wer entscheidet über neue Dienste?
- Wer trägt die Kosten?
Dabei kann sich herausstellen, dass die Schule gar kein neues LMS benötigt.
Vielleicht kann das vorhandene System deutlich mehr, als bisher genutzt wird. Vielleicht fehlt keine Software, sondern eine sinnvolle Konfiguration. Vielleicht braucht das Kollegium keine weitere App, sondern Zeit, Vorlagen, Beratung und Fortbildung.
Auch das ist ein gutes Beratungsergebnis.
Sogar ein besonders gutes, wenn dadurch die Einführung der sechsten Plattform verhindert wird.
Dann kommt die Betreiberfrage
Spätestens jetzt wird es ungemütlich.
Eine Plattform muss nicht nur ausgewählt, sondern dauerhaft betrieben werden.
Wer legt Konten, Klassen und Rollen an? Wer bearbeitet Supportanfragen? Wer prüft Updates? Wer reagiert bei einem Ausfall? Wer löscht ausgeschiedene Personen? Wer stellt Daten wieder her, wenn etwas schiefläuft?
Bei einer Landeslösung werden viele dieser Aufgaben zentral übernommen. Bei einer kommerziellen Plattform werden Teile davon eingekauft. Bei einem selbst gehosteten Moodle oder einem WordPress-LMS muss die Verantwortung ausdrücklich organisiert werden.
Ein technisch interessierter Kollege kann eine Plattform aufsetzen.
Damit ist noch nicht geklärt, wer sie fünf Jahre lang betreibt.
Zur Betreiberfrage gehören heute außerdem Punkte, die in älteren LMS-Kriterienlisten teilweise zu kurz kamen:
- Single Sign-on und Benutzerverwaltung,
- Datenschutz und Informationssicherheit,
- Export und Datenportabilität,
- KI-Funktionen und deren Datenflüsse,
- Backups und Notfallbetrieb,
- Support und Reaktionszeiten,
- Barrierefreiheit.
Gerade Barrierefreiheit darf nicht auf ein Häkchen in der Herstellerbroschüre reduziert werden. Die WCAG 2.2 bilden den derzeit vom W3C empfohlenen Standard für Web-Barrierefreiheit. Geprüft werden muss aber immer das konkrete Gesamtsystem mit Oberfläche, Theme, Plugins und selbst erstellten Inhalten.
Eine formal zugängliche Plattform hilft wenig, wenn der Kurs anschließend aus 37 eingescannten Arbeitsblättern besteht.
Nicht vorführen lassen, sondern ausprobieren
Produktpräsentationen zeigen genau das, was ein Anbieter zeigen möchte.
Eine Schule sollte stattdessen typische Situationen selbst erproben:
- Eine neue Klasse wird angelegt oder importiert.
- Eine Lehrkraft erstellt einen Kurs oder Wochenplan.
- Lernende arbeiten gemeinsam an einer Aufgabe.
- Eine Schülerin erhält individuelles Feedback.
- Ein Kurs wird für das nächste Schuljahr kopiert.
- Ein Arbeitsergebnis oder Portfolio wird exportiert.
- Ein Benutzerkonto wird vollständig gelöscht.
Auch die Nutzung auf einem Smartphone, einem älteren Tablet und mit unterstützenden Technologien sollte getestet werden.
Und es sollte nicht nur das technisch versierte Projektteam ausprobieren.
Wenn die Plattform schulweit eingesetzt werden soll, müssen auch Menschen beteiligt werden, die keine besondere Freude an versteckten Einstellungsmenüs haben.
Ein System ist nicht intuitiv, weil der Anbieter das Wort auf seine Website schreibt.
Intuitiv ist es, wenn die vorgesehenen Nutzerinnen und Nutzer damit zurechtkommen.
Einführung ist noch kein Erfolg
Die Plattform ist eingerichtet. Die Konten wurden verteilt. Die erste Fortbildung hat stattgefunden.
Damit ist sie eingeführt.
Ob sie das Medienkonzept unterstützt, ist eine andere Frage.
Nach einigen Monaten sollte deshalb ausgewertet werden:
- Nutzen Lernende die Plattform zunehmend selbstständig?
- Wird Zusammenarbeit erleichtert?
- Verbessert sich die Qualität des Feedbacks?
- Sind Kommunikationswege klarer geworden?
- Entstehen neue Belastungen?
- Welche Funktionen werden kaum genutzt?
- Welche Abläufe finden weiterhin außerhalb der Plattform statt?
- Was hat sich am Unterricht tatsächlich verändert?
Loginzahlen reichen dafür nicht.
Eine Schule kann eine sehr hohe Nutzungsquote erreichen, weil alle Lehrkräfte verpflichtet wurden, ihre PDFs im LMS abzulegen.
Das wäre ein erfolgreicher Rollout.
Pädagogisch wäre möglicherweise wenig passiert.
Beratung darf auch von einer Anschaffung abraten
Gute Beratung muss nicht zwangsläufig mit einem neuen Produkt enden.
Sie kann zu dem Ergebnis kommen, dass die vorhandene Plattform ausreicht, aber anders genutzt werden sollte. Dass zunächst ein Unterstützungs- und Fortbildungskonzept fehlt. Dass bestehende Systeme besser verbunden werden müssen. Oder dass die Schule Anforderungen formuliert hat, die sie organisatorisch nicht dauerhaft betreiben kann.
Das ist keine gescheiterte Beratung.
Es ist möglicherweise die wichtigste Erkenntnis des gesamten Prozesses.
Die Plattformwahl ist kein isolierter IT-Einkauf. Sie ist ein Teil der Medienkonzeptarbeit und damit Schulentwicklung.
Unterricht, Organisation, Personalentwicklung und Technik müssen zusammen gedacht werden.
Die erste Frage lautet deshalb nicht:
Welches LMS ist das beste?
Sondern:
Welche Form des Lernens und Zusammenarbeit wollen wir ermöglichen – und welche technische Umgebung können wir dafür dauerhaft verantworten?
Eine konkrete Produktempfehlung kann am Ende stehen.
Am Anfang würde sie nur den Blick verstellen.
