Teil 1: Die PDF-Schleuder lebt immer noch – und hat jetzt einen KI-Knopf
Ein gedrucktes Buch hat einen großen Vorteil: Man kann es ins Regal stellen. Es hat allerdings auch einen Nachteil: Inhaltlich bleibt es dort ebenfalls stehen.

2021 habe ich für den Sammelband Digitalität in Schule und Unterricht ein Kapitel über Learning Management Systeme geschrieben. Es ging um Moodle, Lernplattformen, Personal Learning Environments und die Frage, was Schulen von einer digitalen Plattform erwarten sollten.
Der ganze Band enthielt bereits zahllose Hinweise, dass sich bei digitalen Medien ein endgültiges Fazit natürlich verbietet. So auch beim Thema LMS. Inzwischen ist Moodle einige Hauptversionen weiter, die HPI-Schul-Cloud heißt dBildungscloud, föderierte Identitätsdienste wie VIDIS nehmen Gestalt an – und auf fast jeder Plattform blinkt nun irgendwo ein neuer KI-Knopf.
Es ist also Zeit für ein Update in Sachen Learning-Management-Systeme.
Meine Grundthese stimmt noch
Die wichtigste Aussage meines damaligen Artikels würde ich heute wieder schreiben:
Ob eine Lernplattform gutes Lernen unterstützt, hängt weniger von ihrer Funktionsliste ab als von dem Lernverständnis, mit dem sie eingesetzt wird.
Ein LMS kann Dateien bereitstellen, Aufgaben verteilen, Abgaben einsammeln, Tests durchführen und Rückmeldungen geben.
Es entscheidet aber nicht, ob Schülerinnen und Schüler nur Arbeitsblätter abarbeiten oder eigene Fragen entwickeln. Es entscheidet nicht, ob sie lediglich Ergebnisse abgeben oder gemeinsam an Produkten arbeiten. Und es entscheidet schon gar nicht, ob Feedback zum Weiterlernen anregt oder nur aus einer Punktzahl besteht.
Das macht weiterhin die Schule bzw. die Lehrkraft.
Eine schlechte Aufgabe wird nicht besser, weil sie in Moodle steht. Sie ist dann nur schlechter ausdruckbar.
Die PDF-Schleuder ist noch nicht ausgestorben
Learning Management Systeme wurden lange als „PDF-Schleudern“ verspottet: Lehrkräfte laden Arbeitsblätter hoch, Schülerinnen und Schüler laden sie herunter, bearbeiten sie und laden die Lösungen wieder hoch.
Das Papier ist verschwunden. Die Unterrichtsidee ist teilweise noch verbreitet, wie weit, mag kaum einer wirklich zugeben.
Natürlich ist es sinnvoll, Materialien zuverlässig bereitzustellen und Abgaben zu organisieren. Schulen brauchen solche Funktionen. Problematisch wird es erst, wenn die Digitalisierung des Lernens dort endet.
Ein LMS kann Lernräume öffnen. Es kann aber genauso gut den alten Unterricht komfortabler verwalten.
Die PDF-Schleuder Moodle beispielsweise kann schon lange Push-Nachrichten verschicken, Abgabefristen überwachen und inzwischen sogar mithilfe künstlicher Intelligenz eine Rückmeldung erzeugen. Das macht sie technisch moderner, aber noch nicht pädagogisch besser.
Produktübersichten altern schneller als Joghurt
Besonders schlecht gealtert sind die konkreten Produktbeschreibungen meines damaligen Artikels.
Dort wurde Moodle 4.0 als kommendes großes Update angekündigt. Inzwischen ist Moodle bei Version 5.2 angekommen, hat seine Benutzeroberfläche weiterentwickelt, ist einigermaßen responsive und kann verschiedene KI-Dienste einbinden.
Auch andere Plattformen wurden größer (Canvas (nicht Canva!) löste Blackboard als Nr. 1 ab), aufgekauft oder eingestellt (Edmodo 2022). Funktionen kommen hinzu, verschwinden wieder oder wandern in teurere Lizenzpakete. Pakete, die gar nicht als LMS antraten, erfüllen nun die Kriterien eines LMS (siehe MS Teams kombiniert mit OneNote Class Notebook).
Weltweit dominieren je nach Marktsegment und Zählweise Google Classroom, Moodle, Canvas und Schoology. In den USA liegen derzeit Google Classroom, Canvas und Schoology vorn. In Deutschland liegen keine belastbaren Zahlen vor, aber Moodle (inklusive der Moodle-Landeslösungen wie LOGINEO NRW LMS) liegt deutlich vor itslearning und IServ (was nicht das Kriterium des Kursraums erfüllt).
Deshalb würde ich heute deutlich weniger Platz für Produktlisten verwenden. Die entscheidende Frage lautet nicht: Welches Produkt hat momentan die meisten Funktionen?
Wichtiger ist: Welche Aufgaben muss unsere digitale Infrastruktur dauerhaft erfüllen – und wie austauschbar sind ihre Bestandteile?
Die eine Plattform gibt es nicht
Vor einigen Jahren klang die Diskussion häufig so, heute teilweise immer noch: Nehmen wir Moodle, itslearning, IServ, Teams oder eine Schulcloud?
Das war schon damals zu kurz gedacht. Heute führt die Frage endgültig in die falsche Richtung. Schulen brauchen nicht nur ein LMS. Sie brauchen unter anderem:
- Benutzer- und Rechteverwaltung,
- Lernräume und Aufgaben,
- Dateiablage und kollaboratives Arbeiten,
- Kommunikation,
- Bildungsmedien,
- Tests und Feedback,
- Portfolios und Kompetenzdokumentation,
- schulorganisatorische Funktionen,
- Schnittstellen zu weiteren Diensten.
Und inzwischen brauchen sie auch eine geregelte Antwort auf die Frage, welche Rolle KI dabei spielen soll udn darf.
Eine einzige Plattform wie ein LMS kann vieles davon enthalten. Keine kann alles oder alles gleich gut. Die Lösung besteht allerdings auch nicht darin, für jedes Problem eine neue App einzuführen. Eine Ansammlung von Apps ist noch kein digitales Ökosystem. Sonst wäre auch unsere Küchenschublade mit den alten Ladekabeln eine IT-Strategie. 😉
Und plötzlich sitzt KI mit im Kursraum
Die größte Leerstelle meines alten Artikels ist leicht zu erklären: Generative KI spielte 2020/21 im schulischen Alltag keine Rolle, der Hype ging im November 2022 mit OpenAIs ChatGPT los.
Heute wird ChatGPT in Lernplattformen wie Moodle eingebaut, Copilot ins Office-Paket, KI ist nun sowieso in alle Web-Suchen oder in Autorenwerkzeuge wie Canva (nicht Canvas!). Sie kann Texte zusammenfassen, Aufgaben erzeugen und Rückmeldungen formulieren. Das ist praktisch. Zumindest manchmal. Es macht die pädagogische Frage aber nicht kleiner, sondern größer:
- Welches Problem soll die KI lösen?
- Welche Daten werden verarbeitet?
- Können Lehrkräfte die Funktion steuern?
- Unterstützt die KI den Lernprozess – oder produziert sie nur schneller ein Ergebnis?
- Wie gehen wir mit Fehlern und erfundenen Aussagen um?
Eine KI-Funktion ist noch kein didaktisches Konzept. Sie kann Lernende beim Denken unterstützen. Sie kann ihnen das Denken aber auch sehr elegant abnehmen.
Open Source bleibt wichtig – aber kein Weihwasser
In meinem damaligen Text habe ich auf den Vendor-Lock-in-Effekt hingewiesen und für offene Lösungen geworben. Das sollte weiterhin gültig sein, die ganze EU macht sich darüber Gedanken (allerdings sehr spät und sehr verstreut).
Open Source bietet bessere Voraussetzungen für Transparenz, Anpassbarkeit und digitale Souveränität. Es verhindert aber nicht automatisch schlechte Bedienung, fehlenden Support oder unsichere Konfigurationen. Ein ungepflegtes Moodle ist nicht souverän. Es ist zunächst einmal ungepflegt.
Umgekehrt ist eine kommerzielle Plattform nicht allein deshalb pädagogisch ungeeignet, weil jemand damit Geld verdient. Entscheidend sind Datenverarbeitung, Exportmöglichkeiten, Standards, Betriebssicherheit und die tatsächliche Abhängigkeit vom Anbieter. Nicht das Etikett entscheidet, sondern die konkrete Architektur.
Die entscheidende Frage bleibt
Am Ende meines alten Artikels stand die Vermutung, dass sich eine Schule mit zwei oder drei ergänzenden Plattformen weitgehend digital abbilden lasse. Heute würde ich das anders formulieren.
Nicht die Zahl der Plattformen entscheidet. Schulen benötigen ein zusammenhängendes digitales Bildungsökosystem: pädagogisch begründet, technisch verbunden, barrierefrei, sicher betrieben und offen genug, damit einzelne Bausteine ausgetauscht werden können.
Das LMS bleibt darin wichtig. Es ist aber nicht mehr automatisch das Zentrum von allem. Und trotz aller technischen Veränderungen bleibt die entscheidende Frage dieselbe:
Hilft uns die Technik dabei, Lernen anders und besser zu organisieren – oder verwalten wir mit ihr nur komfortabler den Unterricht, den wir sowieso schon hatten?
Die PDF-Schleuder lebt.
Sie hat inzwischen nur einen KI-Knopf.
Zeit für ein Break, der Rest kommt im nächsten Post.
