Teil 2: Ein LMS kaufen, kombinieren oder selber bauen?
Im ersten Teil dieser kleinen Serie bin ich bei einem „zusammenhängenden digitalen Bildungsökosystem“ gelandet.
Das klingt vielleicht zu groß, ist auch kein Strategiepapier. Praktisch stellt sich für eine Schule nämlich weiterhin die deutlich profanere Frage: Wo bekommen wir unser LMS nun her?
Man kann die Plattform nutzen, die das Land oder der Schulträger bereits bereitstellt, viele Länder branden Moodle und bieten es ihren Schulen zentral an. Man kann eine kommerzielle Lösung einkaufen. Man kann ein Open-Source-System professionell betreiben lassen. Oder man baut sich aus WordPress und einigen Plugins selber ein LMS.
Alle vier Wege können funktionieren. Und alle vier können gründlich schiefgehen.
Weg 1: Wir nehmen, was schon da ist
Der naheliegendste Weg ist häufig eine Landes- oder Schulträgerlösung.
In Nordrhein-Westfalen steht den Schulen mit LOGINEO NRW LMS beispielsweise eine Moodle-Installation zur Verfügung. Das Land übernimmt die Kosten für Einrichtung und Betrieb, Schulen und ZfsL können das System kostenlos nutzen.
Das klingt erst einmal wenig aufregend. Keine individuelle Wunderplattform, kein eigenes Schulbranding, keine freie Auswahl aus ein paar Tausend Moodle-Plugins.
Dafür ist das System schon da.
Hosting, Updates und grundlegender Betrieb werden zentral über den erfahrenen Moodle-Dienstleister eLedia organisiert. Unterstützungsmaterialien und Support existieren ebenfalls. Eine einzelne Schule muss nicht selbst herausfinden, wie man einen Moodle-Server absichert oder nach einem fehlgeschlagenen Update wieder zum Laufen bringt.
Das ist nicht nichts.
Der Preis dafür ist eine eingeschränkte Gestaltungsfreiheit. Schulen können nicht beliebig Plugins installieren, Funktionen freischalten oder die Plattform nach eigenen Vorstellungen umbauen. So kann beispielsweise keine Nextcloud mit kollaborativem Office angedockt werden, was technisch längst geht.
Die aktuell in LOGINEO NRW LMS eingesetzte Moodle-Version liegt beispielsweise bewusst auf der länger unterstützten Version 4.5 und nicht auf dem neuesten Update 5.2. Das ist nicht automatisch Rückständigkeit, sondern kann auch schlicht vernünftiger Betrieb sein.
Eine Plattform, die nicht jede neue Funktion sofort erhält, dafür aber zuverlässig gepflegt wird, kann sinnvoller sein als ein hochindividuelles System, dessen einziger Administrator nach den Sommerferien die Schule wechselt.
Weg 2: Wir kaufen eine Komplettlösung
Kommerzielle Anbieter versprechen möglichst viel aus einer Hand:
Lernräume, Aufgaben, Kommunikation, Dateiablage, Videokonferenzen, Lernstandsübersichten, digitales Klassenbuch, Stundenplan, Elternkommunikation und neuerdings natürlich künstliche Intelligenz. Ein Anbieter, ein Vertrag, ein Support. Das klingt verlockend.
Eine solche Plattform kann tatsächlich Vorteile haben. Die einzelnen Funktionen sind im besten Fall aufeinander abgestimmt. Die Oberfläche wirkt einheitlich. Lernende und Lehrkräfte müssen nicht zwischen fünf grundsätzlich unterschiedlich aufgebauten Systemen wechseln. Allerdings entscheidet sich die Schule damit häufig nicht nur für eine Software, sondern für ein komplettes Ökosystem.
Je mehr Materialien, Kurse, Portfolios, Nachrichten und Arbeitsabläufe über Jahre innerhalb einer Plattform organisiert werden, desto schwieriger wird ein späterer Wechsel. Das ist der bereits im ersten Artikel angesprochene Vendor-Lock-in-Effekt.
Deshalb sollte man nicht erst dann nach Exportmöglichkeiten fragen, wenn der Anbieter seine Preise erhöht, Funktionen in ein anderes Lizenzpaket verschiebt oder vom nächsten Anbieter aufgekauft wird.
Auch eine sogenannte Komplettlösung bleibt in der Regel unvollständig.
Vielleicht ist das Portfolio-Modul schwach. Vielleicht funktioniert das gemeinsame Bearbeiten von Dokumenten nicht so gut wie erhofft. Vielleicht liegen Bildungsmedien ohnehin auf einer anderen Plattform. Und für irgendeine berufliche Fachanwendung interessiert sich das große All-in-one-System eher nicht.
Die eine Plattform, die alles perfekt kann, bleibt ein schöner Traum. Ungefähr wie das papierlose Lehrerzimmer. 😉
Weg 3: Wir betreiben Open Source – professionell
Open Source wird gelegentlich mit „kostenlos“ verwechselt. Die Software kann kostenlos heruntergeladen werden. Ihr zuverlässiger Betrieb ist es nicht.
Bei Moodle gibt es offiziell drei grundsätzliche Varianten: Man kann das System selbst hosten, MoodleCloud als fertigen Cloud-Dienst nutzen oder einen zertifizierten Dienstleister mit Hosting, Einrichtung, Anpassung, Support und Schulung beauftragen.
Für Schulen ist weniger entscheidend, ob sie theoretisch den Quellcode verändern könnten. Entscheidend ist, wer sich um das System kümmert:
- Wer richtet Benutzerrollen, Kurse und Rechte ein?
- Wer installiert Updates?
- Wer prüft Erweiterungen?
- Wer erstellt Backups?
- Wer testet, ob diese Backups auch wiederhergestellt werden können?
- Wer hilft, wenn sich am Montagmorgen 800 Personen gleichzeitig anmelden wollen?
Ein professionell betriebenes Open-Source-System kann Anpassbarkeit, Datensouveränität und eine geringere Abhängigkeit von einem einzelnen Softwareanbieter verbinden. Bei Moodle lässt sich sogar die Entscheidung für die Software von der Entscheidung für den Dienstleister trennen. Der Quellcode ist frei verfügbar, Hosting und Support können unterschiedlich organisiert werden.
Das bedeutet aber nicht, dass automatisch alles offen, sicher und gut bedienbar ist. Ein ungepflegtes Moodle ist weiterhin nicht souverän. Es ist ungepflegt.
Und „Das macht Herr Müller aus der Physik“ ist noch kein Betriebskonzept. Selbst dann nicht, wenn Herr Müller das wirklich gut macht und sogar eine Vertretung hat.
Weg 4: Wir bauen uns ein LMS mit WordPress
Und dann gibt es noch den Baukasten.
WordPress ist eigentlich ein Content-Management-System für Websites. Es gibt aber mächtige Plugins wie LearnPress, MasterStudy oder Tutor LMS, die daraus eine erstaunlich umfangreiche Lernplattform bauen. Oder man macht es mit mehreren Installationen wie die Siebengebirgsschule in Bonn, wenn ich das richtig sehe, vielleicht sind es sogar mehrere Multisite-Installationen.
LearnPress erweitert WordPress unter anderem um Kurse, Lektionen, Tests, Teilnehmendenlisten und Import- beziehungsweise Exportfunktionen. Weitere Erweiterungen ergänzen beispielsweise Aufgaben, Zertifikate, H5P-Inhalte, Foren oder Videokonferenzen.
MasterStudy wirbt ebenfalls damit, eine gewöhnliche WordPress-Website in eine Online-Schule zu verwandeln. Das Plugin bietet unter anderem multimediale Lektionen, Tests, Lernfortschritte und Benutzerprofile und richtet sich ausdrücklich auch an Schulen und Hochschulen.
Technisch kann man damit ein komplettes LMS bauen. Das ist kein Spielzeug. Für manche Vorhaben kann WordPress sogar geeigneter sein als ein klassisches Schul-LMS:
- für ein öffentliches Lernportal,
- für Selbstlernkurse,
- für OER-Angebote,
- für schulübergreifende Projekte,
- für Fortbildungen,
- für eine besonders individuell gestaltete Kursumgebung.
WordPress ist bei Gestaltung und Veröffentlichung von Inhalten stark. Themes und Plugins erlauben eine sehr individuelle Oberfläche. Inhalte können öffentlich, geschützt oder nur für bestimmte Benutzergruppen zugänglich gemacht werden.
Man kann ziemlich viel bauen. Die Frage ist nur, ob man es auch bauen sollte. Und wer es könnte, wieder Herr Müller aus der Physik?
Eine Online-Schule ist noch kein schulisches Kernsystem
Die meisten WordPress-LMS stammen aus dem Markt für Online-Kurse, Coaches, Hochschulen oder kommerzielle Akademien. Deshalb bringen sie häufig Funktionen für Kursverkauf, Abonnements, Zertifikate oder Online-Marktplätze mit. Schulen benötigen zusätzlich andere Dinge:
- die automatische Übernahme von Klassen und Kursen,
- schulische Rollen und Rechte,
- Single Sign-on,
- geregelte Schuljahreswechsel,
- den Umgang mit minderjährigen Nutzerinnen und Nutzern,
- die Aufbewahrung und Löschung von Leistungsdaten,
- einen verbindlichen Support,
- Barrierefreiheit,
- Ausfallsicherheit und Notfallkonzepte.
Vieles davon lässt sich in WordPress irgendwie ergänzen. „Irgendwie ergänzen“ ist allerdings eine schlechte Grundlage für ein System, über das eine ganze Schule dauerhaft Unterricht organisiert. Hinzu kommt: Eine WordPress-Lernplattform besteht nicht nur aus WordPress. Sie besteht aus dem WordPress-Kern, einem Theme, dem eigentlichen LMS-Plugin und meistens mehreren weiteren Plugins unterschiedlicher Hersteller.
Alle Komponenten müssen zusammenpassen. Sie müssen aktualisiert und nach Updates getestet werden. WordPress empfiehlt ausdrücklich, Themes und Plugins aktuell zu halten und vor automatischen Updates eine funktionierende Rückfall- beziehungsweise Backup-Möglichkeit vorzuhalten.
Das spricht nicht grundsätzlich gegen WordPress. Es spricht dafür, die Betreiberfrage sehr ernst zu nehmen.
Für ein überschaubares Lernportal kann ein gutes WordPress-Hosting mit klarer Verantwortlichkeit ausreichen. Für ein schulweites Kernsystem mit Leistungsdaten und mehreren Tausend Konten sollte ein professioneller Betreiber dahinterstehen.
Die technisch versierte Lehrkraft kann das Projekt entwickeln und pädagogisch begleiten. Sie sollte aber nicht gleichzeitig alleiniger Systemadministrator, Datenschutzkoordinator, IT-Notdienst und Backup-Strategie sein. Herr Müller braucht dafür einen Co-Admin und so viele Stunden Zeit, wie sie im System Schule eigentlich nicht zur Verfügung stehen.
Kaufen und selber bauen schließen sich nicht aus
Die vier Wege sind keine vollständig getrennten Welten.
Eine Schule kann LOGINEO NRW LMS als geschützten Lernraum verwenden und daneben ein WordPress-Portal für öffentlich zugängliche Selbstlernangebote betreiben.
Ein kommerzielles Schulportal kann mit einem Open-Source-Office verbunden werden. Moodle kann externe Fachanwendungen einbinden. Bildungsmedien liegen vielleicht auf einer Landesplattform. KI wird über einen weiteren geschützten Dienst bereitgestellt.
Mit VIDIS entsteht dafür eine föderierte Infrastruktur, über die Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler mit einem bestehenden Konto ihres Landes- oder Schulportals auf angebundene Bildungsangebote zugreifen können. Anfang 2026 waren zwölf Bundesländer angebunden, die vier anderen Länder befinden sich nach Projektangaben in der Anbindung.
Damit verschiebt sich die Frage endgültig. Nicht: Welches eine System nehmen wir? Sondern: Welche Bausteine benötigen wir, wie arbeiten sie zusammen und wer trägt für welchen Baustein die Verantwortung?
Eine Sammlung von Anwendungen ist allerdings noch kein digitales Bildungsökosystem. Sonst wäre unsere bereits erwähnte Küchenschublade mit alten Ladekabeln eines. 😉
Das Medienkonzept gibt die Richtung vor
Die Entscheidung über eine Plattform ist kein isolierter IT-Einkauf. Sie gehört in das schulische Medienkonzept. Sie betrifft Unterrichtsentwicklung, Organisationsentwicklung, Personalentwicklung und technische Infrastruktur gleichzeitig.
Deshalb sollte eine Schule nicht mit Moodle, itslearning oder WordPress beginnen, sondern mit ihrem Lernen und Arbeiten:
- Was sollen Schülerinnen und Schüler künftig konkret tun können?
- Welche Formen von Zusammenarbeit wollen wir stärken?
- Wie soll Feedback organisiert werden?
- Welche Lernprozesse sollen sichtbar werden?
- Was soll für Lehrkräfte einfacher werden?
- Welche Aufgaben soll die Plattform ausdrücklich nicht übernehmen?
- Was können Schule und Schulträger dauerhaft betreiben?
Erst danach lässt sich beurteilen, welcher Weg passt.
Eine Schule mit überschaubaren Anforderungen kann mit einer Landeslösung sehr gut arbeiten. Eine Schule mit einem besonderen pädagogischen Profil benötigt vielleicht mehr Anpassungsmöglichkeiten. Ein schulübergreifendes Lernangebot kann mit WordPress genau richtig liegen.
Die technisch aufregendste Lösung ist nicht automatisch die beste. Die passende Lösung ist pädagogisch begründet, organisatorisch beherrschbar und dauerhaft betreibbar.
Oder etwas kürzer: Was können wir bauen? Was sollten wir bauen? Und wer hält es anschließend am Laufen?
Die dritte Frage ist meistens die unangenehmste. Deshalb gehört sie an den Anfang.
