Deutsche Schule Bariloche

DSD-Schule in San Carlos de Bariloche, Argentinien

DSD-Schule in San Carlos de Bariloche, Argentinien

Die Deutsche Schule Bariloche, nach einem italienischen Gönner des Grundstücks Instituto Primo Capraro genannt, blickt auf eine über einhundertjährige Tradition zurück. In der „argentinischen Schweiz“ gründeten schweizerische und deutschstämmige Handwerker und Händler zur Erziehung ihrer Kinder 1907 den deutschen Kirchen- und Schulverein. Die daraus hervor gegangene Sprachdiplom-Schule ist eine argentinische Privatschule. Sie genießt in der Öffentlichkeit einen teilweise fragwürdigen Ruf. Bei vielen Eltern in Bariloche ist sie aufgrund der für argentinische Verhältnisse guten Bildung einerseits beliebt und hoch gelobt. Andererseits sieht sich die Schule Vorurteilen und Vorwürfen wie dem der „Nazi-Schule“ ausgesetzt – ein besonders in Lateinamerika bekanntes Problem.

Privatschule leidet unter ihrer Vergangenheit

Freiwilliger an der DS Bariloche

Freiwilliger an der DS Bariloche

Diese Vorurteile und Vorwürfe gründen vorrangig auf zwei Ursachen: Zum einen diente Lateinamerika und besonders die Stadt San Carlos de Bariloche vielen Nazis und Kriegsverbrechern als Unterschlupf. Der argentinische Journalist und Historiker Uki Goñi identifizierte aus den noch vorhandenen Akten der Einwanderungsbehörden Argentiniens mehr als 300 NS-Kriegsverbrecher – die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Beispielsweise lebte der in Österreich gesuchte ehemalige Tiroler Gauamtsleiter Fritz Lantschner erwiesenermaßen in Bariloche, Nazi-Agent Reinhard Kopps versicherte noch in hohem Alter, er hieße Juan Maler, SS-Kommandant Josef Schwammberger oder Hitler-Bewunderer Hans-Ulrich Rudel tauchten dort unter.

Vertraute Fremde

Vertraute Fremde: Alpine Architektur in Bariloche

Im Dezember 2008 fahndete Dr. Efraim Zuroff, Direktor des Simon Wiesenthal Center Jerusalem, persönlich in Bariloche nach dem totgesagten Dr. Aribert Heim. Er steht ganz oben auf Zuroffs Liste „Operation: Last Chance“ und ist damit der meistgesuchte noch lebende Nazi-Kriegsverbrecher weltweit. Heims Leichnam ist bis jetzt nicht gefunden, das LKA ermittelt seit Jahren und Zuroff vermutet ihn irgendwo in den Bergen zwischen Bariloche und Puerto Montt (Chile).

Viele Nazis organisierten sich nachweislich in der deutschen Gemeinschaft Bariloches (Asociación Cultural Germano-Argentino de Bariloche) und prägen bis heute in einigen Teilen deren Image, was sich negativ auf die Schule auswirkt, da sich hier in der Außenwahrnehmung die deutsche Gemeinschaft und die Institution Schule vermischen.

Das zweite Leben des Erich Priebke

Zum anderen war der ehemalige Kriegsverbrecher und SS-Offizier Erich Priebke in den 1980er und 90er Jahren Vorstandsvorsitzender eben dieser Asociación Cultural Germano-Argentino de Bariloche, die auch Träger der Deutschen Schule ist, ehe er 1994 von italienischen Behörden verhaftet und später verurteilt wurde. Der barilochenser Dokumentarfilmer und ehemalige Schüler der Deutschen Schule Bariloche, Carlos Echeverría, drehte 2006 den Film „Pakt des Schweigens – Das zweite Leben des Erich Priebke“ (span. Pacto de Silencio, siehe Video). In der Doku wird deutlich, dass nicht nur ehemalige Nazis wie Priebke, sondern auch deren Nachkommen nationalsozialistische und antisemitische Gesinnungen pflegen. Außerdem belegen Zeitzeugen, dass Priebke damals bisweilen Einfluss auf den schulinternen Lehrplan genommen habe. So sollte laut Aussage Priebkes auf keinen Fall Heinrich Böll gelesen werden, da dieser Kommunist wäre. Der Film wurde im November 2006 in der Schule gezeigt. (Die Doku ist in 5 Teilen auf Youtube zu sehen und sehenswert.)

Aufarbeitung hört nie auf

In meinen zwei Jahren an der Deutschen Schule wurde ich häufig mit dem Thema Priebke, Nationalsozialismus, Nazis in Bariloche oder Holocaust konfrontiert, auch meine Schüler fragten mich, ob ich wisse, wie über die Schule geredet würde. Im Laufe der Zeit sprach ich dieses Thema auch verschiedentlich mit Verantwortlichen des Vorstandes und der Schulleitung an – jedoch mit wenig dialektischem Erfolg. Man verwies auf die Vorführung des Dokumentarfilms und wollte das Kapitel am liebsten totschweigen und zur Tagesordnung übergehen.

Schüler an der DS Bariloche

Schüler an der DS Bariloche

Denn trotz allem findet an der Schule gewöhnlicher Unterricht statt. Es gab in meiner Zeit keine Anhaltspunkte für einen direkten ideologischen, antisemitischen oder rechtsextremistischen Einfluss auf die Unterrichtsinhalte, etwa im Deutsch- oder Geschichtsunterricht. Meine Ausführungen beziehen sich ausdrücklich nur auf Aussagen der Schulleiterin und von Mitgliedern des Schulvereinvorstandes. Trotzdem warfen mir Kolleginnen hinter meinem Rücken vor, ich hätte ja selbst kaum etwas unternommen.

Nach erfolglosen Gesprächsversuchen hatte ich mich mit einem offenen Brief an den Vorstand gewandt, einen Artikel für das Argentinische Tageblatt über einen Aktionstag geschrieben, der Zeitung Río Negro ein Interview zum Thema Deutsche und Holocaust gegeben, eine Arbeitsgruppe zum „Holocaust“ für einige sehr interessierte Schüler organisiert, um nur einige Beispiele zu nennen. Letztlich muss die Schule selbst gewillt sein, an dieser Situation etwas zu ändern, aber auch die vermittelten Lehrer und die Institutionen auf deutscher Seite können Einfluss nehmen, über dessen Ausgestaltung und Grenzen man diskutieren kann.

Weiterführende Informationen:
Literatur:
  • Echeverria,  Carlos  (Buch/Regie):  Pakt  des Schweigens.  Das  zweite  Leben  des  Erich Priebke. Dokumentarfilm D/ARG 2006, Terrahe & Gutierrez Films GmbH (in Deutschland erschienen im Progress Filmverleih; auf Youtube.de in 5 Teilen verfügbar, siehe oben).
  • Goñi, Uki: Odessa. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Berlin: Verlag Assoziation A., 2006
  • Schulz,  Hans:  Bariloche.  Kurze  Geschichte  der  deutschen  Gemeinschaƒ   und ihrer Schule 1907–2004. San Carlos de Bariloche: Libros del Medidía, 2005
  • ders.: Los alemanes y el Holocausto, de la culpa  a  la  responsabilidad.  Entrevista  a Marc Seegers. In: Río Negro vom 22.2.2009, S. 6/7 (http://www.rionegro.com.ar/diario/debates/2009/02/22/17809.php, zuletzt aufgerufen am 25.04.2013).
  • Seegers, Marc: Gegen Antisemitismus und Diskriminierung. Massenau“ auf beim Aktionstag in Bariloche. In: Argentinisches Tageblatt, Nr. 31.688 vom 11.10.2008, S. 2 (http://www.tageblatt.com.ar/pdf_free/11-10-08_2.pdf, zuletzt aufgerufen am 25.04.2013).
  • Weber, Gaby: Daimler-Benz und die Argentinien-Connection. Von Rattenlinien und Nazigeldern. Berlin: Verlag Assoziation A., 2004
  • Yappert, Susana: Hans Schulz, tras las huellas de la  comunidad alemana.  In: Río Negro vom 5.4.2008 (http://www.rionegro.com.ar/diario/rural/2008/04/05/12139.php, zuletzt aufgerufen am 25.04.2013)